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Kann eine vernünftige Ernährung einsam machen?

Stellen Sie sich folgende (fiktive) Situation vor: Es ist Donnerstag, Curry-Wurst-Tag in der Kantine. Alle Kollegen sind schon ganz aufgeregt, freuen sich auf die meist viel zu kurze Mittagspause, in der es kaum möglich ist, eine vernünftige Mahlzeit in Ruhe zu sich zu nehmen. Aber Currywurst geht immer, braucht man ja auch nicht viel zu kauen - schnelle Genussbefriedigung. Sie haben sich entschlossen, Ihren Darm glücklich zu machen und möchten ihm das nicht zumuten. Daher setzen Sie sich zu den Currywurst Kollegen mit einem Apfel und einem Joghurt (falls es so etwas in der Kantine überhaupt gibt, aber möglicherweise haben Sie es sogar von zuhause mitgebracht - sehr zur Verärgerung des Kantinenwirtes) mit an den Tisch. Meinen Sie, Sie werden beim nächsten Curry-Wurst-Tag wieder mitgenommen?

Ich habe folgendes erlebt (und werde es wohl auch die nächsten Jahre wieder erleben). Dozentenempfang meiner VHS Henstedt-Ulzburg: Ein Dankeschön für die Arbeit der Dozenten (Ich gebe, wen wunderts, Koch- und Brotbackabende, zeige den Menschen, wie man auf hohem Niveau seine Lebensmittel zubereitet). Es gibt Musikdarbietung (immer schön), dann soll mitgesungen werden (mag ich überhaupt nicht), dann animiert eine Pilates-Dozentin bei infantiler Musik zum Mithopsen (geht gar nicht), dann kommen die Dankesreden von Vorstand und VHS-Leitung (gehört wohl immer dazu), begleitet von meist lauwarmem Sekt und Orangensaftkonzentrat. Dann geht es ans Essen. Wie jedes Jahr von einem Caterer aus dem Ort geliefert, meist Suppe. Dazu die klassischen Weißbrotscheiben vom Meterbrot. Die Thermotransportbehälter werden geöffnet. Gulaschsuppe oder so etwas Ähnliches, immer öfter eine vegetarische Alternative. Dieses Mal undefinierbar, irgendwie Sahnegeschnezeltes und eine italienische Gemüsesuppe, die jedem kulinarik-liebenden Italiener die Zornesröte ins Gesicht getrieben hätte ob der einfallslosen und völlig zerkochten Zutaten. Und dann das penetrante Aroma von billigen Würzstoffen wie gekörnter Brühe und Natriumglutamat. Habe ich in der Vergangenheit aus Höflichkeit immer nochmal etwas davon gekostet (und es sofort bereut), rebelliert mein Magen schon bei dem Geruch, der sich in Windeseile im ganzen Raum ausbreitet. Zu den Kollegen an die Tische mag ich mich nicht setzen, aufgrund des unangenehmen Würzgeruchs im Raum, aber auch, um nicht auf Fragen, warum ich denn nichts esse, antworten zu müssen. Und die Kollegen hauen richtig rein, einige loben die vegetarische Alternative. Draußen stehen Frauen und diskutieren, wie oft man vegetarisch essen sollte. Viele bedanken sich artig bei den VHS-Mitarbeitern und loben die tollen Suppen. Ich stehe daneben, Ernährungsberater, Experte für Brot und Getreide, als Kochdozent, als Feinschmecker und werde als Außenseiter, ja gar als Störfaktor für diesen tollen und leckeren Dozentenempfang wahrgenommen. Ich bin dann ziemlich deprimiert früh nach Hause gegangen. Verstehen Sie mich bitte nicht miss. Ich bin gern VHS-Dozent und eigentlich sehr zufrieden mit "meiner" VHS - und ich habe in den vergangenen Jahren diverse VHSsen kennengelernt, weiß also wovon ich rede.

Die oft über Jahrzehnte liebgewonnenen Ernährungsgewohnheiten legen die Menschen nicht so einfach ab. Natürlich, denkt sich so mancher, er müsste etwas verbessern. Mehr selber kochen, auf den Wochenmarkt gehen, weniger Fleisch essen, usw. Da macht es einem die Lebensmittelindustrie und der Lebensmitteleinzelhandel leicht. Mit vollmundigen Werbeversprechen wie "Frische wie auf dem Wochenmarkt (REWE)", als gesund gepriesenen Fleischersatzprodukten und tollen Fertiggerichten, die eigenes Kochen überflüssig machen, kann man sein Gewissen beruhigen. Haben Sie einen Thermomix im Haushalt? Die Software bietet tausende Fertiggerichte, basierend auf Industrieprodukten wie Fertigbrühen, komplexen Gewürzmischungen, Halbfertigprodukten. So wird die Illusion des eigenen, selbstbestimmten Kochens aufgebaut. Eine sehr teuer erkaufte Gewohnheitsliebe. Und taucht dann jemand auf, der es mit der besseren Ernährung tatsächlich ernst meint und dabei ganz ohne Geräte, Fleischersatzprodukte oder veganen Brotaufstrich auskommt, jemand der einfach nur ehrliche, intelligent zubereiteten Speisen bereitet, stehen Sie natürlich dumm da und haben noch unglaublich viel Geld für - ja für was eigentlich? - Lifestyle ausgegeben. Nee. da geht man doch lieber auf Distanz. Kaum ein Mensch möchte von seinen Gewohnheiten abrücken, womöglich Fehler eingestehen und vielleicht sogar dazulernen. 

Ein anderes Beispiel ist der Alkoholkonsum in Gesellschaft. Man sitzt gesellig zusammen, eine schöne Flasche Wein steht auf dem Tisch, alle prosten sich zu. Alle? Es kommt immer wieder vor, dass jemand keinen Alkohol trinken möchte, das aber nicht akzeptiert wird. Schlimmer noch, er sich rechtfertigen muss. Noch schlimmer, wenn er dann widerwillig mittrinkt, nur um des lieben Friedens willen. Als ob es zum Alkoholkonsum Komplizen bräuchte.

Ja, mein etwas frustriertes Resümee, den Weg zu einer besseren, selbstgestalteten, intelligenten Ernährung, kann im Alltag sehr einsam machen. Vor allem, wenn dieser Weg massiv vom medial gehypten Mainstream abweicht.

Alles mal zum Nachdenken.

In diesem Sinne, guten Appetit!

Ihr Andreas Sommers